Sterben in Würde

Orientierungshilfe zu schwerwiegenden Fragen

Werde ich in den letzten Monaten und Jahren meines Lebens unnütz und hilflos sein? Werde ich unerträgliche Schmerzen haben? Einsam und verlassen sterben? Oder kann ich über mein Lebensende selbst bestimmen?

Die hier aufgeworfenen Fragen betreffen praktisch jede und jeden von uns. Es sind Grundfragen, die unsere gesamte Existenz betreffen: bei der Pflege und Begleitung kranker und älterer Angehöriger und Freunde, in der Seelsorge, am eigenen Lebensende. Und als Teil einer pluralen Gesellschaft.

Der Deutsche Bundestag berät zur Zeit über ein Gesetz zu Sterbehilfe und Sterbebegleitung, das noch in diesem Jahr verabschiedet werden soll. Am 13. November 2014 fand im Deutschen Bundestag dazu eine erste Orien-tierungsdebatte statt. Als eine der Kernfragen kristallisierte sich in der Dis-kussion heraus, inwieweit das Grundrecht auf freie Entfaltung der Persön-lichkeit das Recht zur eigenen Tötung auf Verlangen, also auf aktive Sterbe-hilfe oder auf assistierten Suizid, nach sich zieht.

Was sagt die Kirche hierzu? Wie positionieren wir uns als Christen zu diesen gewichtigen und existenziellen Fragen? In den letzten Wochen haben sich sowohl die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) als auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) in hilfreichen Stellungnahmen geäußert. Wir Christen – so ist in letzterer zu lesen – „achten das Recht auf Selbstbestimmung hoch. Durch ein Verbot der organisierten Suizidbeihilfe wollen wir es gegen die Fremdbestimmung durch gesellschaftlichen Erwartungsdruck schützen“.

Die menschliche Freiheit ist in der Tat ein hohes Gut, sie ist Kennzeichen des Bildes Gottes in jedem Menschen selbst. Die Freiheit, die Selbstbestimmung (Autonomie) – so heißt es weiter – „wäre aber missverstanden, wenn man sie mit Beliebigkeit oder gar Bindungslosigkeit gleichsetzt. (…) Jede selbstbestimmte Entscheidung eines Menschen hat Auswirkungen auf seine Mitmenschen und beeinflusst unweigerlich deren Lebensführung und Lebensschicksal. (…) Dies kann – aus ethischen Gründen – zu Selbstbeschränkungen führen.“

Auch deshalb lehnt die Kirche direkte bzw. aktive Sterbehilfe in jedem Fall ab. Ebenso den assistierten Suizid bzw. die Beihilfe zur Selbsttötung. Erlaubt ist hingegen die sog. passive Sterbehilfe, das ist das Sterbenlassen durch Verzicht, Abbruch oder Reduzierung eingeleiteter lebensverlängernder Maßnahmen, wenn dies der Patient so wünscht (Änderung des Therapieziels). Sehr zu empfehlen und zu fördern ist ferner die Pallia-tivmedizin, die eine Behandlung von Schmerz- und Angstzuständen anzielt, auch wenn dies im Einzelfall eine lebensverkürzende Nebenwirkung mit sich bringen sollte. Letzteres wird (missverständlich) auch als indirekte Sterbehilfe bezeichnet.

Leiden, Sterben und Tod sind die großen Prüfungen für alle Betroffenen. Als Christen dürfen wir nie vergessen, dass die Botschaft von Ostern auch den Karfreitag des Kreuzes miteinschließt. Hierbei müssen wir uns gegenseitig unterstützen und auch Hilfe annehmen lernen: durch Krankenbesuche, Anteilnahme, im Sakrament der Krankensalbung, der sog. Wegzehrung, durch Begleitung und Gebet. Als authentisches Beispiel hierfür haben wir in der vorigen Ausgabe des Mitteilungsblatts das Zeugnis einer Christin wiedergegeben, die ihren 50-jährigen Ehemann durch einen Gehirntumor verloren hat. Sie schrieb darin, dass gerade durch die tödliche Krankheit ihres Ehepartners „die Liebe heiler und reiner“ wurde, und ermutigte zu einer „echten Leidkultur“.

Auch die diesjährige, ökumenisch getragene ‚Woche für das Leben‘ widmete sich dem Thema Sterben in Würde.

Kaplan Raphael Weichlein

h2.WEBLINKS

DEUTSCHE BISCHOFSKONFERENZDossier zum Thema Sterben in Würde
DEUTSCHER BUNDESTAGBericht über die Orientierungsdebatte am 13. November 2014
ZENTRALKOMITEE DER DEUTSCHEN KATHOLIKENStellungnahme ‚Ja zur palliativen Begleitung – Nein zur organisierten Suizidbeihilfe‘
WOCHE FÜR DAS LEBENjährlich ökumenisch von katholischer und evangelischer Kirche

Di, 28.Apr 2015 · Gemeindeleben · Berichte