Kirche vor Ort – Perspektivenwechsel im Märkischen Viertel

Bericht aus der „Kiez-Runde Märkisches Viertel“

In den Pastoralen Leitlinien für den Weg der pastoralen Neuorientierung im Erzbistum Berlin heißt es, dass die zukünftige Pfarrei in einem Netzwerk leben wird, in dem alle Gemeinden, Institutionen und Orte kirchlichen Lebens in die Pastoral des Raumes eingebunden werden. Damit werden zwei Schwerpunkte genannt, mit denen wir uns in der „Kiez-Runde“ beschäf¬tigen: das Netzwerk und der pastorale Raum. Mit letzterem wird ein territorialer Bezug hergestellt. Der Wirk-Raum der Pfarrei öffnet sich hin zu den Sozialräumen der Menschen. Die Begriffe Sozialraum und Sozialraum-orientierung haben ihren Ursprung in der Stadtsoziologie, in der die räumliche Umgebung in Verbindung mit dem sozialen Handeln der Menschen vor Ort gebracht wird. Der soziale Raum definiert sich dabei ständig neu, von den virtuellen Räumen hin zur gelebten Nachbarschaft, von der globalen Dimension hin zur überschaubaren Lebenswelt. Es ist ein Lebensraum, in dem gesellschaftliche Entwicklungsprozesse geschehen. Diesen gilt es wahrzunehmen und örtliche Handlungsfelder und Zielper¬spektiven für kirchliches Handeln (=Pastoral der Kirche) abzuleiten, die eng mit dem Lebensraum der dort wohnenden Menschen verbunden sind. Die Ortskirche wird so zur wirklichen Kirche im Kiez.

In der „Kiez-Runde“ beschäftigen wir uns mit dem Märkischen Viertel, einer Großwohnsiedlung am Rande unseres zukünftigen Pfarrgebietes, in dem sich die Gemeinde St. Martin befindet mit ihrer Kita, der Filiale der Salvatorschule und den Seniorenwohnungen in Trägerschaft der Caritas. In unseren ersten Treffen ging es zunächst einmal um ein Kennenlernen. Wir haben voneinander erfahren, uns wahrgenommen und von unseren Aufgaben und Tätigkeiten für und mit den Menschen im Märkischen Viertel berichtet. Viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die die Gemeinde und die kirchlichen Orte besuchen, haben einen Migrationshintergrund. In der Kita werden z.B. 14 verschiedene Muttersprachen gesprochen. Mangelnde bzw. nicht ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache und der deutschen Kultur führen oft dazu, dass der Austausch vor Ort sich schwierig gestaltet, Eltern kaum erreicht werden und Gemeindeangebote nicht besucht werden. Um aber am gesellschaftlichen Leben vor Ort teilnehmen zu können, in der Kita, in der Schule und in der Gemeinde, ist es hilfreich, wenn bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten erworben werden. Dieses ist vor allem den Kindern in der Kita und der Schule aufgrund von Sprachbarrieren oft verwehrt. Ihr Weg führt in die Isolation. An dem gemeinschaftlichen Leben vor Ort können auch die Senioren der Wohnanlage aufgrund ihres Alters und ihrer Gebrechlichkeit ausgeschlossen sein. Sie können nicht mehr den Weg über den Hof in unsere Gemeinde finden und vereinsamen. In einem ersten Schritt haben wir überlegt, wie wir kooperieren und den Menschen gemeinsam helfen können. Ausgangspunkt sollen dabei die Bedarfe der Menschen vor Ort, im Sozialraum sein. Wir wollen auf die Menschen zugehen, die im Märkischen Viertel wohnen, unsere Kita und unsere Schule besuchen und in der Seniorenwohnanlage leben. Wie können wir ihnen gemeinsam begegnen? Wie können wir sie stärken, dass sie Gemeinschaft erfahren?

Mit dieser Fragestellung sind wir dem zweiten Schwerpunkt unserer Kiez-Runde einen Schritt näher gekommen: dem Netzwerk. Das ist ein Zusammenschluss, in dem viele unterschiedliche Akteure als Repräsen¬tanten ihrer katholischen Organisationen im pastoralen Raum miteinander verbunden sind. Sie verbindet eine Idee, die sie aus unterschiedlichen, jedoch wechselseitig abhängigen Interessen gemeinsam bearbeiten wollen. Unser Ziel im Märkischen Viertel ist es, den kirchlichen Sendungsauftrag wahrzunehmen, mehr Menschen in der je für sie eigenen Weise mit dem Evangelium in Berührung zu bringen und das von Jesus verkündete Reich Gottes in der Welt von heute wahrzunehmen. Wir wollen die Heraus¬forderung der Urbanisierung und Verstädterung der Gesellschaft annehmen und uns an der sozialen Stadtentwicklung beteiligen. Es geht um Solidarität der Generationen und um Integration von Menschen mit Migrationshinter¬grund. Das Zusammenleben der verschiedenen Kulturen und Lebensstile, der Konfessionen und der Religionen im Märkischen Viertel soll gestärkt werden. Dabei können und dürfen wir aber nicht an der Pforte unserer Kirche stehen bleiben, sondern müssen darüber hinaus in die Stadt zu den Menschen gehen. Wir suchen daher die Kooperation mit anderen, um uns gemeinsam auf den Weg zu machen und uns partnerschaftlich für eine menschenwürdige und soziale Stadt einzusetzen. Insoweit wollen wir den Kontakt zu den evangelischen Nachbargemeinden, aber auch zu anderen Religionsgemeinschaften suchen und uns in die Kiez-Arbeit der GESOBAU und des Bezirkes im Märkischen Viertel einbringen. Nur gemeinsam mit allen Akteuren vor Ort können wir den gesellschaftlichen Herausforderungen zum Wohle der Menschen begegnen, die im Märkischen Viertel leben. Mit Papst Franziskus wünschen wir uns, dass dieser Paradigmenwechsel gelingt: die Hinwendung zu notleidenden und betroffenen Menschen in ihrem Lebensraum vor und jenseits unserer Kirchentür.

“Mir ist eine ‘verbeulte’ Kirche lieber, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist“, schreibt er, “als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.”

Antje Markfort für die Kiez-Runde

Di, 28.Apr 2015 · Gemeindeleben · Berichte